Im Rennen um künstliche Intelligenz

Fortführung: Zweiter Teil der Serie zu Künstlicher Intelligenz in China von Vincent Fremery, einem Chinalogue-Teamer.

Das „AI-Race“

Die Liste der elf wertvollsten KI-Startups der Welt spiegelt die aktuelle Konkurrenzsituation zwischen China und den USA mehr als deutlich wider. Fünf kommen aus China, fünf aus den USA und lediglich eines aus der UK. Das seit einem Jahr das Ranking anführende „SenseTime“ wurde 2014 in Hongkong gegründet und ist marktführend in der globalen Forschung von Gesichtserkennungssoftware. Laut Bloomberg beträgt der Gesamtwert des Unternehmens mehr als vier Milliarden US-Dollar. Top Investor ist mit rund 600 Millionen Dollar der chinesische E-Commerce Gigant Alibaba.

Chinas Ambitionen im Rennen um Künstliche Intelligenz

Die Ambitionen der chinesischen Regierung haben China innerhalb weniger Jahre zum Finanzierungs-Himmel für Startups gemacht. Zwischen 2016 und 2017 sprang Chinas Anteil der globalen Eigenkapitalfinanzierung im Bereich KI von 11,6% auf 48%, deutlich vor den USA mit 38%. Vergangenes Jahr hingegen rutschte China allerdings wieder auf Platz zwei, hinter die USA, ab.

China legt rasante Geschwindigkeit vor

Eine für die USA besonders bittere Pille ist die hohe Geschwindigkeit mit der Chinas Forschung innerhalb kürzester Zeit mit dem internationalen Standard aufgeschlossen hat. Seit Ende des kalten Krieges gab es kaum eine Schlüsseltechnologie, die nicht von den USA dominiert wurde. Besonders Kommunikation und Internet betreffend, wurde der State-of-the-Art immer in Nordamerika definiert. Die künstliche Intelligenz aber ist ein verhältnismäßig neues Forschungsfeld. Dadurch fällt es China weniger schwer die nötige Infrastruktur zu errichten und Know-How zu akkumulieren. Um in anderen wissenschaftlichen Feldern, wie Physik oder Chemie, mit dem Westen aufzuschließen, wäre ein deutlich größerer Arbeitsaufwand notwendig.

Inwiefern chinesische Wissenschaftler vermehrt zum internationalen Konsens beitragen, lässt sich an Chinas wachsendem Anteil der weltweit meistzitiertesten KI-Paper bemessen. Laut einer Studie des amerikanischen Verlags Medium, wird schon kommendes Jahr der größte Anteil der weltweit Top-10% meistzitiertesten KI-Paper aus China kommen. 2010 stand China mit knapp 13% noch deutlich hinter den USA mit 35%.

Die drei entscheidenden Faktoren im KI-Rennen

Neben Finanzierung und Forschung gibt es jedoch noch zahlreiche weitere Faktoren, die im Rennen um die Dominanz in der KI-Industrie entscheidend sein werden. Der taiwanesische KI-Experte Kai-Fu Lee definiert in seinem 2018 erschienen Buch „AI Superpowers“ drei entscheidende Elemente für ein erfolgreiches Arbeiten von KI-Algorithmen: Eine große Menge an Daten, ausreichend Computerpower und gut ausgebildetes KI-Talent. Sowohl die USA, als auch China schaffen es ohne Komplikationen genügend Computerpower zur Verfügung zu stellen.

Im Kampf um junges Talent bleibt China allerdings deutlich hinter den USA zurück. Microsoft, Amazon, Facebook und Co. bieten aktuell attraktivere Jobangebote als Alibaba, Tencent und Baidu an. Amerikanischen Unternehmen gelingt es mehr internationales Talent nach Amerika zu locken oder national selbst auszubilden.

Einen bedeutend höheren Stellenwert als der Qualität und Quantität der involvierten Experten misst Lee allerdings der Menge der zur Verfügung stehenden Daten zu. „Deep Learning“-Algorithmen funktionieren nach dem Motto „there is no data like more data“. Laut Lee kann ein von mittelmäßigen Informatikern programmierter Algorithmus einen von Vollprofis programmierten Algorithmus ohne Weiteres übertreffen, solange er nur mit genügend Daten ausgestattet wird.

Was Datenmengen betrifft, besetzt China global die absolute Pole-Position. In keinem anderen Land der Welt ist die Realität so nah mit der digitalen Welt verbunden wie in China. Allrounder-Apps wie WeChat kombinieren Social Media mit Portemonnaie und ermöglichen Nutzern jegliche Art von monetärer Transaktion übers Smartphone abzuwickeln. Ob Einkauf im Supermarkt, Stromrechnung oder Steuern bezahlen, der Enkelin Taschengeld zuschicken und parallel Abendessen bestellen, einen Arzttermin machen oder ein Zugticket nach Shanghai kaufen. WeChat kombiniert unterschiedlichste Funktionen in einer einzelnen App. Im Vergleich mit Europa oder den USA ist China ein alternatives, digitales Universum. 2017 wurden in China fünfzig Mal so viele mobile Transaktionen abgehandelt wie in den USA.

Niedrige Dateschutzstandards werden zum Wettbewerbsvorteil

Neben dem quasi niemals endenden Datenstrom kommt China ein weiterer, nicht zu unterschätzender Wettbewerbsvorteil, zugute. Während sich in den USA und ganz besonders in der EU Unternehmen wie Facebook und Google ständig mit Datenschutzrichtlinien auseinandersetzen müssen, ist der Begriff Datenschutz selbst in China für viele ein Fremdwort. Dadurch fällt es Unternehmen und auch dem Staat nicht nur deutlich leichter, Informationen über den ständigen Aufenthaltsort von Nutzern, Inhalte von Chaträumen oder das Kaufverhalten zu sammeln. Auch hochsensible und persönliche Daten, wie medizinische Akten oder Fotos und Videos von Überwachungskameras mit Aufnahmen von Gesichtern und Stimmen können in China, ohne einen Aufschrei auszulösen, in „Deep Learning“ Netzwerke gefüttert werden. Für den wissenschaftlichen Fortschritt und eine tiefgehende Vernetzung von künstlicher Intelligenz und Realität ist das fantastisch. Für die Privatsphäre von Nutzerinnen und Nutzern und individuelle Rechte allerdings mehr als verheerend.

Wer hat die Oberhand im Rennen um KI?

Wer aktuell tatsächlich die Oberhand im AI-Race hat, ist schwer auszumachen. Künstliche Intelligenz ist allerdings kein Nullsummenspiel, sondern bietet allen involvierten Akteuren eine Menge Potenzial für die Zukunft. Der harte Konkurrenzkampf zwischen den USA und China wird im kommenden Jahrzehnt zu bedeutenden Durchbrüchen führen und viele Aspekte unseres Lebens verändern.

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